Über dieses Buch:
Mathematik und Literatur, Berechnung und Imagination, formale und bildliche Sprache, nichts scheint unvereinbarer als diese beiden Arten, die Welt zu betrachten. Und dennoch treffen sie sich, wie diese Studie überzeugend darlegt. Ihr Gegenstand ist die französische Autorengruppe Oulipo (Ouvroir de littérature potentielle), die im Umfeld des Strukturalismus und des Nouveau Roman, der modernen Mathematik und der postmodernen Philosophie gegründet wurde und bis heute originelle Werke hervorbringt. Dabei erscheint ihr Erfolgsrezept ebenso verwegen wie antiquiert: das schriftstellerische Schaffen durch formale Zwänge, die so genannten contraintes, anzuregen.
Die vorliegende Arbeit weist die erkenntnistheoretische Nähe dieses Schreibkonzeptes zur Weltsicht der postmodernen Philosophie und der modernen Mathematik nach. Es wird deutlich, dass der Rekurs auf „sinnentleerte“ Regeln den Nerv der Zeit trifft und eine adäquate Weise darstellt, sich mit einer problematisch gewordenen Realität auseinander zu setzen. Eine neuartige, detaillierte Interpretation von Georges Perecs Roman La Disparition, dem Aushängeschild der Gruppe, zeigt, dass dabei die literarische Moderne überwunden und im Erkenntnismodell der Absenz eine neue Basis bereitgestellt wird.
Diese komplexen Zusammenhänge sowie die philosophischen und mathematischen Grundlagen der Untersuchung werden auch für Nichtfachleute verständlich dargestellt und durch zahlreiche Materialien ergänzt. Dies gilt ebenso für das kaum erforschte Wirken des einflussreichen mathematischen Geheimbunds Bourbaki, der den Gründern des Ouvroir, Raymond Queneau und François Le Lionnais, als Vorbild diente, wie für erstaunliche Übereinstimmungen zwischen literarischer und mathematischer Kreativität.
Die Arbeit wurde aktuell mit dem E.ON-Kulturpeis ausgezeichnet.
Über den Autor / die Autorin:
Uwe Schleypen ist auf literarischem wie auf mathematischem Gebiet gleichermaßen bewandert. An das Studium der Fächer Deutsch, Französisch und Mathematik an der Katholischen Universität Eichstätt schloss sich die Promotion in Romanischer Literaturwissenschaft bei Prof. Dr. Winfried Wehle (Eichstätt) an. Momentan arbeitet er als Lehrer am Gymnasium.
Rezension/en:
“[…] überzeugend und differenziert vorgetragene und begründete These […]. Die Untersuchung von Uwe Schleypen besticht insgesamt durch die Klarheit ihrer Disposition und Argumentation, durch die souveräne Beherrschung ihres doppelten und höchst komplexen Gegenstandes, durch die Transparenz ihrer Darstellung, welche mittels zahlreicher Zusammenfassungen das Gesagte gliedert und leichter erfaßbar macht, und durch die perfekte formale Gestaltung. Insofern liegt hier ein Musterexemplar der Gattung interdisziplinäre Dissertation vor, welche auch dem Oulipo-Spezialisten zahlreiche neue Einsichten eröffnet. Sie sei allseits zur Lektüre empfohlen.“ (Romanische Forschungen, Vierteljahrsschrift für romanische Sprachen und Literaturen)
About this book:
Mathematics and literature; calculation and imagination; nothing seems less reconcilable than these two different ways of looking at the world. Nevertheless, they do conjoin. The French group of authors, Oulipo, founded in the 1960s, brought a new concept of writing into being with their écriture sous contrainte which can be understood from a discerning point of view as being related to the postmodern philosophy and to modern mathematics. As a rejoinder to rules which they view as “empty of meaning”, the group asks valid questions of a reality which has become problematic and finds a new footing in the insightful model of the Absenz.
Sur ce livre:
Il n'est pas de domaines plus éloignés les uns des autres que les mathématiques et la littérature d'une part, le calcul et l'imagination d'autre part. Ils arrivent cependant à se retrouver sur un terrain commun. Oulipo, le groupe d'écrivains français formé dans les années 60 a créé avec l'écriture sous contrainte un concept d'écriture qui, du point de vue de la théorie de la connaissance, rejoint les rangs de la philosophie postmoderne et des mathématiques modernes. En rappelant les règles "dénuées de sens", le groupe tente une réflexion sur une réalité devenue désormais problématique et retrouve dans le modèle de reconnaissance de l'absence de nouvelles bases.
Sobre este libro:
Matemática y literatura, cálculos e imaginación; nada parece más incompatibile que estas dos formas de contemplar el mundo y sin embargo se encuentran. El grupo de autores Oulipo, formado en los años 60, creó con écriture sous contrainte un concepto literario que asienta su conocimiento teórico en la cercanía de la filosofía posmoderna y la matemática moderna. Este grupo, basado en reglas aparentemente absurdas, se confronta de una manera adequada con una realidad confusa y encuentra una nueva base en el modelo de conocimiento de la ausencia.